Der „Superspreader“ von Heinsberg wurde zum Prügelknaben Deutschlands

Die ganze Welt blickte Ende Februar 2020 nach Heinsberg. Dort breitete sich das Coronavirus nach einer Karnevalssitzung schlagartig aus. Der Familienvater Bernd B. wurde als unverantwortlicher Superspreader gebrandmarkt.

Nach Recherchen des „SPIEGEL“-Magazins ist die Geschichte vom Superspreader als Einzelperson heute nicht mehr haltbar. Demnach war Bernd B. gar nicht der Auslöser für die Ausbreitung von Sars-CoV-2.

Sein Bruder René B. ging dieses Jahr an die Öffentlichkeit und bemühte sich um Transparenz. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin sagt er heute: „Wir standen im Zentrum eines Sturms. Man hat meinen Bruder nicht als Opfer gesehen, als jemanden, der sich mit dem Coronavirus angesteckt hat und schwer erkrankt ist, sondern als den einen Superspreader. Politik und Medien haben ein Täterprofil erstellt: Familienvater mit Vorerkrankung verbreitet das Virus, weil er wild Karneval gefeiert hat.“

Bernd B. zeigte kurz nach der Kappensitzung so starke Symptome, dass er von der Arbeit früher nach Hause und zum Arzt ging. „In der Woche nach der Sitzung war er mit vier bis fünf Ärzten und Sanitätern in Kontakt. Keiner hat erkannt, dass er Covid-19 hat. Sie haben gesagt, er habe eine Lungenentzündung und solle im Bett bleiben. Niemand hatte das Virus wirklich auf dem Radar, auch die Ärzte nicht“, sagt René B. „Am Sonntag konnte mein Bruder kaum noch sprechen. Dann wurde beschlossen, dass er sich Rosenmontag selbst einweisen muss. Und das hat er getan.“ Schließlich wurde Bern B. in ein künstliches Koma versetzt. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde die Infektion erkannt.

Politiker und Medien hätten Bernd B. als Verursacher der Epidemie in Deutschland dargestellt. „Als hätte ein Vögelchen das Virus über ihm abgeworfen“, klagt René B. Auch dass er nach der Karnevalssitzung weitergefeiert habe, sei nicht wahr. „Er lag doch lange vor Rosenmontag krank zu Hause“.

Lange hatten Wissenschaftler nach „Patient Null“ gesucht, um die Infektionskette nachzuvollziehen. Erfolglos. Inzwischen korrigierte Virologe Hendrik Streeck die Superspreader-Theorie von damals: „Das Virus war bereits vor der Kappensitzung in den Kreis Heinsberg gekommen.“ Er vermutet, dass es über Belgien oder die Niederlande eingeschleppt wurde. Doch das spielt heute keine Rolle mehr.

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